Pinocchio, ein Prachtexemplar

„Kinder sind laut, egoistisch und stinken“ sagt Meister Gepetto, nicht ahnend, dass er bereits wenige Minuten später ein eigenes dieser gefürchteten Exemplare am Hals hängen hat. Sogar ein ganz besonderes Prachtexemplar. Als erstes fesselt Klein-Pinocchio nämlich seinen Vater an die Werkbank und geht bei der nächstbesten Gelegenheit einem schmierigen Betrüger auf den Leim.

Die Fernseh-Super-Nanny hätte den Schulschwänzer und Daddelkönig sicher stundenlang auf der stillen Treppe schmoren lassen. Aber in diesem Theatermärchen des Schlosstheaters aus der Feder von Erpho Bell nach dem Kinderbuch­klassiker von Carlo Collodi gibt es stattdessen noch die gute alte Fee. Und die Dame mit den blauen Haaren glaubt allen Problemen zum Trotz ganz fest an Pinocchio, bis zum Schluss ...

Vielleicht liegt das in Moers auch ein bisschen an Katja Stockhausen, die einen grandiosen Pinocchio spielt. Einen, den man trotz - oder gerade wegen aller vermeintlichen Dummheiten und Frechheiten gern haben muss. Den fröhlich-unbedachten Anarchisten mit jeder Menge Liebe und Lebenslust im Bauch. Ein Kind, das die Begegnung mit einer Welt, in der selbst Erwachsene an Wunderbörsen glauben, ab und an verwirren muss. Wenn Erwachsene mit Schweinehälften an der Börse spekulieren, warum sollte Pinocchio dem Fuchs nicht glauben, dass der aus seinem Schulranzen Millionen macht? Leider kriegt der Fuchs bei seiner Geschichte keine lange Nase ...

Die Reise ins Spielzeugland wird zum Trip ins Daddelparadies. Welches Kind würde bei einer solchen Einladung nein sagen? Kein Pinocchio. Der will die Welt kennen lernen, alles ausprobieren. Dass die unechte Computerwelt ihm auf Dauer nicht gut tut, bemerkt er zu spät. Als dressierter Esel unter der Fuchtel des bösen Zirkusdirektors, den Frank Wickermann - neben sechs weiteren Rollen - als skurrile Mischung aus Helge Schneider und Johnny Depp’s Willy Wonka in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ spielt.

Am glücklichen Ende haben Gepetto und Pinocchio voneinander gelernt - der Große Unbeschwertheit, der Kleine Verantwortung - aber all das in Maßen.

Wie hilft man Kindern heute, ihren eigenen Weg zu finden? Was dürfen und müssen sie ausprobieren und was nicht? Regisseur Julius Jensen gelingt in seiner Inszenierung vor allem eines - spannend und bunt zu erzählen, wie wichtig es ist, dass Kindsein nicht Last sondern Lust sein sollte. Da war das Premierenpublikum dann auch ganz Kind - und klatschte begeistert.

Gabi Gies, NRZ, 13. November 2010

Kinder fiebern mit Pinocchio

Pinocchio sucht seinen Weg. Und auch in der Inszenierung des Moerser Schloss­theaters, die zum Auftakt der Penguin's Days in der Theaterhalle am Solimare Premiere feierte, führen ihn die Verlockungen dieser Welt immer weiter weg von seinem "Papa" Gepetto, in immer surrealer anmutende Abenteuer, die das Ensemble, allen voran die Schauspieler Katja Stockhausen und Frank Wickermann, packend zu erzählen versteht. Katja Stockhausen hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle als Pinocchio. Der Schauspielerin gelingt es ganz wunderbar, die kindliche Naivität, die große Begeisterungsfähigkeit und Abenteuerlust des Jungen zu transportieren. Und auch Frank Wickermann versteht es, die Kinder im Nu vergessen zu lassen, dass er nicht nur den alten Gepetto spielt, sondern alle anderen Rollen auch – die Grille mit Zylinder, die Fuchskatze im gold-glitzernden Trenchcoat, die Fee mit den blauen Haaren und, und, und.

Das junge Publikum, das auf roten Kissen gleich vor der von Christoph Rasche gestalteten Bühne in der Theaterhalle hockt, fiebert mit Pinocchio mit – vor allem, wenn es so richtig spannend wird: also im düsteren Räuberwald und auf der Überfall-Straße, wo die hinterlistige Fuchskatze der lebendig gewordenen Holzpuppe den neuen Tornister abjagen will. Oder im Bauch des Wals, der in der Inszenierung des Schlosstheaters zum weißen Hai mutiert. Klar, dass die Kinder im Publikum mit lauten Geschrei Pinocchio und Gepetto helfen wollen, aus dem unheimlichen Maul des Hais zu fliehen.

Die einstündige Theaterfassung, die Erpho Bell nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Carlo Collodi geschrieben hatte, holt die Geschichte der Holzpuppe, die unbedingt leben will, ins Hier und Jetzt und streift viele aktuelle Themen, die Groß und Klein im Publikum mit dem Heute verbinden können: Da gibt es die Wunderbörse, die den schnellen Millionen-Gewinn verspricht, den Turbo-Spaß im multimedialen, bunt beleuchteten Spielzeugland, wo man sich um Sinn und Verstand spielen kann. Regisseur Julius Jensen setzt die Theaterfassung als ein temporeiches und humorvolles Spiel zwischen Pinocchio und dessen merkwürdigen Begegnungen um, ohne den poetischen und märchenhaften Pfad der Geschichte zu verlassen. Ach ja: Die lange Nase, die Pinocchio bekanntlich wächst, wenn er lügt, taucht natürlich auch in der Inszenierung des Schlosstheaters auf. Nur so viel: Sie wird ziemlich lang.

Anja Katzke, Rheinische Post, 13. November 2010