Vom Fischer, seiner Frau und den Gebrüdern Grimm

Ein Versuch über das Märchen und die Theaterfassung für das Schlosstheater Moers

Es war einmal … ein stürmischer Abend an der Ostsee. Es ist Herbst. Zwei Männer, in lange Mäntel gehüllt, kämpfen sich durch die grasbewachsenen Dünen. Die Krägen ihrer Mäntel aufgestellt. Der Wind biegt das Gras bis auf den Sand und drückt ihnen das Regenwasser ins Gesicht. Sie steuern auf ein kleines Haus zu. Der flackernde Schein von Kerzen und Feuer lockt durch die Fenster. Das Dach ist mit Reet gedeckt, die Türen sind niedrig. Die beiden klopfen und treten vorsichtig ein. An dem lodernden Kamin in der Stube sitzt eine alte Frau. Ihr Haar ist schlohweiß und von einem dicken Knoten am Hinterkopf zusammengehalten. Eine Schulterdecke verdeckt fast vollständig ihren kräftigen Körper. Sie sitz tief gebeugt – augenscheinlich hat sie ihr Leben lang schwer geschuftet – und strickt mit kräftigen Händen grobe Wolle. Die Frau lächelt die beiden Männer beim Hereinkommen einladend an und nickt ihnen zu. Diese legen vorsichtig ihre Mäntel ab, holen aus den tiefen Taschen Griffel und Papier hervor. Dann setzen sie sich auf eine abgewetzte Holzbank am Fenster, zu den bereitgestellten großen Kerzen. Die Frau beginnt zu erzählen. Sie spricht ein langsam zerdehntes Plattdeutsch, betont einzelne Stellen überdeutlich. Die Männer schreiben eifrig, fast hektisch. Kein Wort soll verloren gehen…

So könnte man sich die Sammlung des Märchens „Vom Fischer und seiner Frau“ durch die Gebrüder Grimm vorstellen. Die beiden Sagen- und Märchen-Sammler ziehen noch in die entlegensten Winkel Deutschlands, um die Schätze der Erzählkultur zu finden. Auch Enttäuschungen gehören dabei dazu. Nach und nach entsteht so eine reiche Sammlung, die die neben den kirchlichen Vorgaben existierenden, alltagsbezogenen Moralvorstellungen im deutschsprachigen Raum abbildet. Denn: Märchen sind moralische Texte. Sie bilden in der Regel durch parabelhaft vereinfachte Figurenkonstellationen und Situationen richtige und falsche Handlungsweisen ab. Sie haben eine „Botschaft“ – wie auch die wörtlich Bedeutung des Wortes „mære“ ist, aus dem sich unser Wort „Märchen“ entwickelt hat.

Mit ihren „Kinder- und Hausmärchen“ dominieren die Brüder Grimm seit ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1812 die deutsche Kinder- und Jugendliteratur. Fast jedes in Deutschland aufgewachsene Kind lernt mindestens ein Märchen der Gebrüder Grimm kennen – sie stehen in kindgerechten Ausgaben in vielen Kinderzimmern und gehören zum literarischen Kanon der staatlichen Schulen. Obwohl sie zum Teil sehr brutal sind und der heutigen FSK frühestens ab 12 Jahren genügen würden.

Nahezu alle Märchen der Sammlung wurden von den Brüdern überarbeitet, sind also im weitesten Sinne Dichtungen– sprachlich sowie motivisch korrigiert und verdichtet oder zum Teil auch vollständig neu erzählt. Nur wenige Texte wurden dabei in der Mundart belassen, in der sie gesammelt wurden. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ gehört zu diesen Texten. Es wurde in Niederdeutsch in die Sammlung aufgenommen und wird auch bis heute in den wissenschaftlichen Ausgaben so abgedruckt.

Für die Vermittlung dieses Märchens sind deshalb weitere Bearbeitungen maßgeblich: im Kinderbuch, Puppentheater, Trickfilm oder Theater. Beispielsweise sind die verschiedenen Versionen in Kinderbüchern während der deutschen Spaltung interessant. Das Märchen ließ sich in den Bilderbüchern der DDR sehr gut zur Konsumkritik der Kapitalismusgesellschaft nutzen. Im Bilderbuch von Dieter Müller (1983) ist das Ehepaar Fischer jung und agil, keine Rentnerfamilie. Die einzelnen Illustrationen der erfüllten Wünsche geraten eher zu Charakterstudien dieser Figuren – man sieht deutlich ihr Glück und Unglück. Statt der Natur, die sich in dem Märchen als moralische Instanz gegen die immer maßloser werdenden Wünsche auflehnt, wird der Fisch zu einem verführenden Konsumgut. Schillernd und bunt wächst er mit jedem Wunsch mit und trägt symbolisch selbst eine große, goldene Krone auf dem Kopf. Dagegen wirken die meisten westdeutschen Varianten geradezu farblos – sie illustrieren den Text nahezu buchstabengetreu – beispielhaft seien hier die Bücher mit Illustrationen von Ottilie Ehlers-Kollwitz und Werner Klemke genannt. Wie aus alten Zeiten steht der Pisspott am Strand. Ein älteres Ehepaar lebt gemütlich und spartanisch vor sich hin. Die erfüllten Wünsche werden klischeehaft illustriert, dem Text wird wenig hinzugefügt sondern eher eine besondere künstlerische Ästhetik entwickelt.

Als Günter Grass das Märchen in seinem Roman „Der Butt“ (1977) verarbeitete, bekam das Märchen kurzfristig wieder eine breite Popularität. Der Märchenforscher Heinz Rölleke gab unter dem Titel „Der wahre Butt“ 1978 eine Anthologie heraus, die neben dem Märchen im Grimmschen Original auch andere Zaubermärchen zwischen Fisch und Mensch präsentiert. Eine der wohl witzigsten Varianten endet damit, dass die Frau des Fischers sich einen Hausmann für die Hausarbeit wünscht, ihn bekommt, den Fischer daraufhin aber vor die Tür setzt  und dieser sich dann beim Fisch wieder die alten Verhältnisse zurück wünscht.

Meine Bearbeitung für das Moerser Schlosstheater ist eine Lesart des Märchens für das 21. Jahrhundert. Die Gesellschaftsverhältnisse, die dem Märchen zugrunde liegen, haben sich stark verändert. Neben dem einfachen „Arbeiter-“Leben nehmen Geld, Besitz und Freizeit im Alltag viel mehr Raum ein. Das Verhältnis von Mann und Frau ist heute gleichberechtigt – sie müssen beide Opfer und Täter sein.

Die zuschauenden Kinder und Erwachsenen erfahren in unserem Märchen viel über das Miteinander-Leben und die daraus resultierende Verantwortung füreinander. Deshalb müssen sie auch selber mitspielen. Für mich gibt es keine nachvollziehbare Vorstellung einer Machthierarchie mehr, die die Folge König, Kaiser und dann Papst sinnvoll erscheinen lässt. Das Entscheidende für unser Märchens ist, dass sich die materiellen Wünsche zu einer Veränderung der Realität steigern. Der Butt ändert für das Ehepaar Fischer den Lauf der Welt. Sie werden als Kanzlerkönige an die Spitze eines Staates gestellt – das Leben aller Menschen werden plötzlich von den Konsequenzen des Wunsches betroffen. Leider können sie dieses Geschenk nicht nutzen und verlieren sich in der Gier nach mehr und immer mehr. Das „Prinzip Gier“ gerät zur Farce, die auf dem Boden der Tatsachen endet: Wenn wir so weitermachen, geht die Welt zu Grunde.

Erpho Bell, in: Rheinische Post, Oktober 2009